Das Malkonzept nach Arno Stern

„Jedes Kind liebt es zu malen, genießt seine bunten Spuren auf dem Papier- solange bis wir Erwachsene anfangen, sein Bild zu deuten, zu loben, zu verbessern oder gar zu benoten. Denn dann malt das Kind, was wir sehen wollen, seine ursprüngliche Lust am Spiel mit den Farben und Formen geht allmählich verloren. Es gerät in eine Abhängigkeit, aus der es sich nicht mehr lösen wird."

ARNO STERN: ZITAT AUS STERNS BUCH "WIE MAN KINDERBILDER NICHT BEWERTEN SOLL"

Das Malen im Malraum-Rodgau basiert auf der Theorie und der Praxis von A. Stern und E. Walder. Hier und auf den folgenden Seiten ist für neugierige Leser ein Überblick, wie sich das Konzept entwickelt und weiterentwickelt hat.

 

Denn die Wissenschaft hat sich seit 1880 mit den Kinderzeichnungen beschäftigt und sich in den letzten 50 Jahren enorm weiterentwickelt. Stern war nicht der Erste, viele Pädagogen haben sich bereits vor ihm mit Kinderzeichnungen beschäftigt und ihre Theorien aufgestellt. G. Kerschensteiner hat z.B. 1905 schon einen 'angeborenen Zeichentrieb ohne künstlerische Absicht' bei Kindern festgestellt.* Stern hatte zuerst auch nicht die Absicht, sich wissenschaftlich mit Kinderbildern auseinander zu setzen, er war jedoch achtsam und neugierig. Lesen Sie hier mehr über ihn...

 

Arno Stern (*1924 Kassel, lebt heute in Paris)
beschäftigt sich seit fast 70 Jahren mit Kinderbildern und dem von ihm erfundenen "Malort".

 

1946 Seine ersten Erfahrungen mit malenden Kindern machte Arno Stern nach seiner Flucht aus Deutschland in Paris in einem Heim für Kriegswaisen. Er ließ die Kinder malen und stellte dabei fest, dass alle Kinder Freude am Malen haben und dafür keinerlei Anleitung bedürfen, und dass - wenn ein spezieller Rahmen gegeben ist - ein aussergewöhnlicher, einmaliger Ausdruck stattfindet. In den fünfziger Jahren gründete er die "Académie du Jeudi", seinen Malort 'Closlieu', woraus schließlich sein Forschungsinstitut ISRE (Institut de Recherche en Sémiologie de l'expression = Institut für die Erforschung der Ausdruckssemiologie) entstand.

 

Kindsein in der Nachkriegszeit

In der Kriegs- und Nachkriegszeit war sein damaliger Malort ein Ort des Schutzes und der Geborgenheit, in dem das Malen ganz ohne Beurteilung und gezielter Absicht möglich war und heute übrigens immer noch ist. Im fielen damals zwei Dinge auf:

1. die Kinder malten mit einer großen Begeisterung, Hingabe, Fantasie und Konzentration (ganz anders als in der Schule)

2. gewisse Zeichengrundformen tauchten immer wieder als verschiedene Bilddinge auf. Z.B. die Strahlenfigur (Kreis mit Strahlen) als Sonne, Blumen, Hände, Kopf mit Haaren.

3. Die Zeichen entwickelten sich nach einer regelmäßigen Gesetzmäßigkeit.

 

Diese Phänomene begann er zu beobachten und zu erforschen und wollte schließlich wissen, ob auch anderswo die Kinder auf die gleiche Weise malen, ob seine Beobachtungen universellen Charakter hatten.

Seine Forschungsarbeiten fuhrten ihn in zu Naturvölkern in verschiedenen Teilen der Welt (Mauretanien, Peru, Niger, Mexiko, Afghanistan, Äthiopien, Guatemala, Neu-Guinea) wo er Kinder und Jugendliche aufsuchte, die noch keinen Kontakt zu belehrenden Erziehern/Erwachsenen hatten. Er brachte seine Palette mit und lies sie Malen: auf dem Boden oder die Blätter an Hütten oder Wände befestigt.

 

Weltweites Universalgefüge

Und er hatte recht: die Kinder und Jugendlichen malten die gleichen Grundzeichen wie die Kinder in Paris. Daraus schloss er, dass es ein allen Menschen gemeinsames - von Rasse, Herkunft, Alter und Bildung unabhängiges - System des Ausdruckes gibt, das er Formulation nennt.

Sie gehören einem Code an, einem Universalgefüge, das von einer Gesetzmäßigkeit bestimmt ist: Alle Menschen malen nach dem selben Prinzip, ein universelles Zeichensystem, das in seiner Ursprünglichkeit im Malort und ohne Einmischung wieder erscheint und den Malenden erfüllt.

 

Erwachsene

Schon recht bald fragten auch Erwachsene nach Malkursen und er integrierte sie kurzerhand in seine Kindermalgruppen. Nun erkannte er eine Belebung der Kindergruppen und entdeckte, dass das gemeinsame Malen bereichernd für alle war. Auch die Erwachsenen folgten dieser universellen Zeichenspur.

 

Heute

Heute wachsen schon die Kinder mit Kunst auf und lernen von den Erwachsenen, wie es geht, ein schönes Bild zu malen. Viele Erwachsene wollen gerne kreativ sein, tun sich aber schwer, diesen erlernten Kunstbegriff wieder los zu lassen. Auch hier ist der Malort als Schutzraum wieder wichtig, damit die universelle belebende und nährende Spur entstehen kann. Dann entwickelt sich das Malen so leicht wie ein Spiel, man folgt dieser universellen Spur. Dazu braucht es keine Vorkenntnisse, sondern "nur" die Gegebenheiten und Regeln, wie sie im Malort vorhanden sind, denn Kreativtät braucht Freiheit aber auch eine gewisse Struktur und einen Rahmen -und Mut.

 

Arno Stern wurde als Experte der Unesco zum ersten internationalen Kongreß über Kunsterziehung in Bristol delegiert. Er gastiert als Referent in vielen Universitäten, Museen, Bildungs- und Ausbildungsstätten in diversen Ländern. Auch in Fernseh- und Talkshows sowie auf Youtube kann man ihn finden. Er nahm und nimmt europaweit an vielen Symposien teil und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.
In seinem Malort für kleine und große Malspielende (3 – 99 Jahre) in Paris leitet er heute Kurse und gibt Intensiv-Seminare.

2014 erschien der Kinofilm „Alphabet“ von Erwin Wagenhofer, der in Kooperation mit Arno Stern entstanden ist.

 

Text: Yvonne Rebmann

Quelle:

*J. Pühringer: Die Urkraft menschlicher Ausdrucksformen - Eine Geschichte des Bildes von Cizek bis Stern